Als Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie am DIAKO Krankenhaus Bremen erlebe ich täglich, wie sehr sich die Behandlung von Krebserkrankungen verändert. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Chronische Myeloische Leukämie, kurz CML – und gerade jetzt stehen wir erneut an einem spannenden Wendepunkt.

Denn obwohl die Erkrankung heute bereits sehr gut behandelbar ist, entwickeln sich derzeit neue Therapieansätze, die noch wirksamer und zugleich verträglicher sein könnten. Sie eröffnen die Perspektive, die Behandlung weiter zu verbessern – und vielleicht für mehr Patientinnen und Patienten sogar ganz überflüssig zu machen.

Vom Durchbruch zur nächsten Entwicklungsstufe

Die CML ist eine bösartige Erkrankung der blutbildenden Stammzellen im Knochenmark. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Diagnose für viele Betroffene mit einer deutlich verkürzten Lebenserwartung verbunden.

Das änderte sich grundlegend mit der Einführung zielgerichteter Therapien Anfang der 2000er Jahre. Erstmals konnten wir eine Krebserkrankung konsequent auf molekularer Ebene behandeln. Die Lebenserwartung stieg dramatisch – viele Patientinnen und Patienten erreichen heute nahezu normale Lebenszeiten.

Die CML wurde damit zum Modellfall der Präzisionsonkologie.

Wie moderne Therapien gezielt wirken

Grundlage der CML-Erkrankung ist eine spezifische genetische Veränderung, das sogenannte BCR-ABL-Fusionsgen. Es führt dazu, dass ein dauerhaft aktives Enzym entsteht, das unkontrollierte Wachstumssignale aussendet.

Die klassischen Therapien – sogenannte Tyrosinkinase-Inhibitoren – blockieren dieses Enzym gezielt. Dadurch wird die krankhafte Zellteilung gestoppt, während gesunde Zellen weitgehend geschont werden.

Für mich ist das ein Paradebeispiel moderner Krebsmedizin: Wir behandeln nicht mehr unspezifisch, sondern greifen gezielt in die Krankheitsmechanismen ein.

Neue Ansätze: ein weiterer Schritt nach vorn

Trotz dieser Erfolge ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Aktuell erleben wir eine neue Phase der Innovation.

Ein besonders vielversprechender Ansatz sind sogenannte STAMP-Inhibitoren. Diese Medikamente greifen das krankheitsauslösende Enzym nicht mehr an der bisherigen Stelle an, sondern blockieren es an einer anderen Stelle. Dadurch können sie auch dann wirksam sein, wenn bisherige Therapien an ihre Grenzen stoßen.

Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass diese neuen Substanzen besser verträglich sein könnten und möglicherweise tiefere Behandlungsergebnisse ermöglichen.

Lebensqualität und neue Ziele

Mit diesen Fortschritten hat sich auch unser Blick auf die Therapie verändert. Es geht längst nicht mehr nur um das Überleben, sondern zunehmend um Lebensqualität.

Ein zentrales Zukunftsthema ist die sogenannte behandlungsfreie Remission. Dabei prüfen wir, ob Patientinnen und Patienten ihre Therapie dauerhaft absetzen können, ohne dass die Erkrankung zurückkehrt.

Schon heute gelingt dies bei einem Teil der Betroffenen. Mit neuen Therapien könnte sich diese Entwicklung weiter verstärken.

Die Aussicht, langfristig ohne Medikamente auszukommen, bedeutet für viele ein großes Stück Freiheit.

Ein Modell für die Zukunft der Krebsmedizin

Für mich steht fest: Die CML ist weit mehr als nur eine einzelne Erkrankung. Sie zeigt exemplarisch, wie sich Krebsmedizin verändert. Ich freue mich, dass wir diese modernen und innovativen Therapieformen der Präzisionsonkologie unseren Patientinnen und Patienten im DIAKO nun zur Verfügung stellen können. 

Die Erkenntnisse aus der CML lassen sich zunehmend auf andere Tumorerkrankungen übertragen. Präzisionsonkologie bedeutet, Therapien individuell und zielgerichtet einzusetzen – und dabei immer schonender und effektiver zu werden.

Die aktuelle Entwicklung zeigt: Fortschritt in der Onkologie ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein fortlaufender Prozess. Und die CML bleibt eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür.

 

Der Experte

Dr. Michael Heinsch ist Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie am DIAKO Krankenhaus Bremen. Der erfahrene Internist und Onkologe verfügt über langjährige Expertise in der Diagnostik und Behandlung hämatologischer Erkrankungen sowie in der modernen Krebsmedizin. Seine beruflichen Stationen führten ihn unter anderem nach Münster, Nordhorn und Duisburg, wo er in leitenden Funktionen tätig war und ein hämatologisches Speziallabor maßgeblich mit aufgebaut hat. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der präzisen molekularen Diagnostik und der Entwicklung individuell zugeschnittener Therapiekonzepte. Zudem engagiert er sich für eine patientenzentrierte Versorgung, die medizinische Innovation mit persönlicher Begleitung verbindet.

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